Die Hausbesetzer-Szene Berlin ist ein prägender Teil der Stadtgeschichte, entstanden aus Wohnungsnot und Protest gegen Immobilienspekulation. Von den Anfängen im West-Berliner Häuserkampf der 70er und 80er Jahre bis zum Aufschwung nach der Wende in Ost-Berlin schuf sie zahlreiche selbstverwaltete Wohn- und Kulturprojekte. Viele wurden legalisiert, andere geräumt. Projekte wie die Rigaer Straße 94 bleiben bis heute Brennpunkte. Die Szene ist ein lebendiges Zeugnis für alternative Lebensentwürfe und den anhaltenden Kampf um städtische Freiräume, die Berlins einzigartigen Charakter mitformen.
Berlin, du faszinierende Metropole! Immer wieder überraschst du uns mit deinen vielen Gesichtern, deinen Geschichten und den Ecken, die abseits der glänzenden Touristenpfade liegen. Eine dieser Ecken, die seit Jahrzehnten das Stadtbild und die Diskussionen prägt, ist die Hausbesetzer-Szene Berlin. Sie ist weit mehr als nur ein Phänomen der Vergangenheit; sie ist ein lebendiger Teil der Berliner Identität, ein Spiegel gesellschaftlicher Spannungen und ein Zeugnis unkonventioneller Lebensentwürfe. Tauche mit uns ein in eine Welt, die von Protest, Gemeinschaftssinn, aber auch von ständigen Veränderungen geprägt ist. Wir nehmen dich mit auf eine Reise durch die Geschichte, die aktuellen Entwicklungen und die Bedeutung dieser einzigartigen Bewegung für unsere Hauptstadt. Bereit, eine Seite Berlins kennenzulernen, die du vielleicht noch nicht kanntest?
Key Facts zur Hausbesetzer-Szene Berlin
- Ursprung in der Wohnungsnot: Die Hausbesetzer-Szene entstand in den 1970er Jahren in West-Berlin, primär als Reaktion auf die massive Wohnungsnot und die „Flächensanierung“, die ganze Altbaukieze dem Abriss preisgab.
- Die „Berliner Linie“: Anfang der 1980er Jahre führte der Senat die sogenannte „Berliner Linie“ ein, um neu besetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden zu räumen. Dies führte oft zu heftigen Auseinandersetzungen.
- Post-Wende-Boom: Nach dem Fall der Mauer erlebte die Szene in Ost-Berlin einen enormen Aufschwung, da viele Häuser leer standen und ein Machtvakuum herrschte. Über 100 Häuser wurden besetzt, insbesondere in Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg.
- Legalisierung und Räumung: Viele der besetzten Häuser wurden im Laufe der Jahre legalisiert, oft durch Miet- oder Nutzungsverträge. Andere wurden, teilweise unter großem Polizeiaufgebot, geräumt, wie die Liebigstraße 14 oder der Köpi-Wagenplatz.
- Kulturelle und soziale Freiräume: Die Szene schuf und bewahrte zahlreiche selbstverwaltete Kultur- und Wohnprojekte, die bis heute wichtige Anlaufstellen für alternative Lebensentwürfe und subkulturelle Aktivitäten sind, wie das Tommy-Weisbecker-Haus oder das Georg-von-Rauch-Haus.
- Aktuelle Brennpunkte: Auch heute noch gibt es umkämpfte Projekte, allen voran die Rigaer Straße 94 in Friedrichshain, die als eine der letzten Hochburgen der autonomen Szene gilt und immer wieder für Schlagzeilen sorgt.
Die Wurzeln im geteilten Berlin: Häuserkampf im Westen
Stell dir vor, du bist in den 70er Jahren in West-Berlin. Die Stadt ist eine Insel, ummauert und mit einem akuten Wohnraumproblem konfrontiert. Der Senat verfolgt eine Politik der „Flächensanierung“, die bedeutet: Alte, oft noch kriegsgezeichnete Gebäude werden entmietet und sollen abgerissen werden, um Platz für moderne Neubauten oder die „autogerechte Stadt“ zu schaffen. Doch neuer Wohnraum entsteht nicht schnell genug, und viele Altbauten verfallen zusehends. Genau hier setzt die Hausbesetzer-Szene an.
Was als sporadische Aktion begann, um leerstehenden Wohnraum zu nutzen und vor dem Verfall zu retten, entwickelte sich schnell zu einer organisierten Bewegung. Im Dezember 1971 besetzte ein Kollektiv das ehemalige Schwesternwohnheim des Bethanien-Krankenhauses in Kreuzberg, das heutige Georg-von-Rauch-Haus. Bald folgten weitere Besetzungen in der Oranienstraße, Wilhelmstraße und Potsdamer Straße. Es ging nicht nur um ein Dach über dem Kopf, sondern auch um Protest gegen Immobilienspekulation und den Verlust gewachsener Kieze. Die Besetzer, oft Studenten, Aussteiger und Punks, wollten die Häuser „instandbesetzen“ – also selbst renovieren und bewohnbar machen.
Die Lage eskalierte Anfang der 80er Jahre. Im Sommer 1981 waren über 160 Häuser in West-Berlin besetzt. Die Konfrontation zwischen militanten Besetzern und einer oft brutal agierenden Polizei führte zu Straßenschlachten, die ihren traurigen Höhepunkt im Tod des 18-jährigen Klaus-Jürgen Rattay fanden, der während eines Polizeieinsatzes überfahren wurde. Dieser Schock veränderte die Dynamik. Der Senat unter Hans-Jochen Vogel (SPD) entwickelte die „Berliner Linie“, die eine schnelle Räumung neuer Besetzungen vorsah, aber auch den Weg für Legalisierungen ebnete. Ein Wendepunkt war die Internationale Bauausstellung 1987 (IBA), bei der das Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“ vor dem Abriss stand. Viele Altbauquartiere konnten so gerettet und saniert werden, oft unter Beteiligung der ehemaligen Besetzer. Wenn du mehr über die faszinierende Entwicklung des Berliner Wohnungsbaus erfahren möchtest, schau doch mal in unseren Beitrag Eine Zeitreise durch Berlins Mauern: Die faszinierende Berliner Wohnungsbaugeschichte rein.
Der Osten ruft: Nach dem Mauerfall im Rausch der Freiheit
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 öffnete sich ein völlig neues Kapitel für die Hausbesetzer-Szene Berlin. Im Osten der Stadt herrschte ein enormes Machtvakuum, und viele Häuser, die über Jahrzehnte vernachlässigt worden waren, standen leer. West-Berliner Besetzer und eine neue Generation von Künstlern, Punks und Querdenkern aus Ost und West strömten in die heruntergekommenen Altbaukieze von Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg. Über 100 Häuser wurden in kürzester Zeit besetzt.
Diese neue Welle war oft von einem starken Wunsch nach Freiräumen geprägt – für Wohnraum, aber auch für Kultur, Kunst und soziale Projekte. Legendäre Orte wie das Kunsthaus Tacheles in Mitte, die Liebigstraße 14 und 34 oder die Mainzer Straße in Friedrichshain entstanden. Die Mainzer Straße wurde zum Synonym für den Häuserkampf im Osten. Ihre Räumung Ende 1990 artete in tagelange, heftige Straßenschlachten aus und prägte das Bild der autonomen Szene nachhaltig.
Viele dieser Projekte wurden zu wichtigen kulturellen und sozialen Ankerpunkten in den aufblühenden Ost-Berliner Bezirken. Sie boten Raum für Experimente, für alternative Lebensformen und für eine lebendige Subkultur, die Berlin bis heute prägt. Doch auch hier folgten auf die anfängliche Euphorie oft harte Auseinandersetzungen um Legalisierung, Mietverträge und schließlich auch Räumungen. Die Geschichte der Hausbesetzer-Szene Berlin ist eng mit der West-Berliner Punkbewegung verbunden, die ebenfalls den Geist des Widerstands und der Selbstorganisation verkörperte.
Aktuelle Entwicklungen und die letzten Bastionen
Die Zeiten der massenhaften Hausbesetzungen sind in Berlin weitestgehend vorbei. Die meisten Projekte aus den 70er und 80er Jahren wurden entweder legalisiert und in selbstverwaltete Wohn- oder Kulturprojekte überführt, oder sie wurden geräumt. Doch die Ideale und der Geist der Hausbesetzer-Szene leben in den verbliebenen Projekten und in der anhaltenden Debatte um bezahlbaren Wohnraum und städtische Freiräume weiter.
Ein prominentes Beispiel für die anhaltende Relevanz ist die Rigaer Straße 94 in Friedrichshain. Dieses Haus, 1990 besetzt, ist heute ein legales Wohnprojekt, aber die Gewerberäume im Parterre, die linke Kneipe „Kadterschmiede“, existieren ohne Mietverträge. Die Rigaer 94 gilt als eine der letzten Trutzburgen der autonomen Szene und steht immer wieder im Fokus von Polizei und Verfassungsschutz. Regelmäßig kommt es hier zu Auseinandersetzungen, die die breite Öffentlichkeit irritieren, aber auch die Debatte um „Wem gehört die Stadt?“ neu entfachen.
Auch der Köpi-Wagenplatz an der Köpenicker Straße, ein langjähriger Treffpunkt für Bands, Künstler und Aktivisten, war bis zu seiner Räumung im Herbst 2021 ein Symbol für den Kampf um Freiräume. Solche Räumungen zeigen, dass der Konflikt zwischen Eigentumsrechten und dem Wunsch nach selbstverwalteten Räumen in Berlin weiterhin aktuell ist. Die Szene, auch wenn zahlenmäßig kleiner, bleibt ein wichtiger Akteur, der auf Leerstand, Gentrifizierung und den Ausverkauf der Stadt aufmerksam macht. Ihre Methoden sind umstritten, aber ihr Einfluss auf die Stadtentwicklung und die Diskussion um soziale Gerechtigkeit ist unbestreitbar.
Fazit: Ein Erbe, das weiterlebt
Die Hausbesetzer-Szene Berlin ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, das die Geschichte unserer Stadt maßgeblich mitgeprägt hat. Von den Anfängen im geteilten West-Berlin, geprägt von Wohnungsnot und Abrissplänen, bis zum Aufbruch nach der Wende im Osten – die Bewegung hat immer wieder auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam gemacht und alternative Lebens- und Kulturräume geschaffen. Auch wenn die Hochphase der Besetzungen vorbei ist, leben der Geist des Protests und der Wunsch nach Selbstverwaltung in den verbliebenen Projekten und in der Erinnerung an die Kämpfe weiter. Orte wie die Rigaer Straße 94 sind Mahnmale und Symbole zugleich, die uns daran erinnern, dass die Stadt ein lebendiger Organismus ist, der ständig neu verhandelt und gestaltet werden muss. Die Hausbesetzer-Szene Berlin ist somit ein unverzichtbarer Teil der Berliner Seele, ein Zeugnis für Widerstandsfähigkeit und Kreativität, das die Stadt bis heute prägt und für viele ein Grund ist, Berlin als Reiseziel für einzigartige Einblicke zu wählen. Sie ist ein Erbe, das uns dazu anregt, über die Nutzung des städtischen Raums, über Gemeinschaft und über die Bedeutung von Freiräumen immer wieder neu nachzudenken.
FAQ
Warum gab es in Berlin so viele Hausbesetzungen?
Die Hausbesetzungen in Berlin entstanden primär aus der akuten Wohnungsnot in West-Berlin in den 1970er Jahren und dem Protest gegen die Flächensanierung, die viele Altbauten dem Abriss preisgab. Nach dem Mauerfall boten die leerstehenden Häuser in Ost-Berlin neue Möglichkeiten für Wohn- und Kulturprojekte.
Was ist die „Berliner Linie“?
Die „Berliner Linie“ war eine Strategie des Berliner Senats, die Anfang der 1980er Jahre eingeführt wurde. Sie sah vor, neu besetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden nach Bekanntwerden der Besetzung zu räumen, um eine weitere Ausbreitung der Bewegung zu verhindern.
Welche bekannten besetzten Häuser gibt es heute noch in Berlin?
Während viele Projekte legalisiert oder geräumt wurden, ist die Rigaer Straße 94 in Friedrichshain ein prominentes Beispiel für ein noch umkämpftes Projekt, das als Hochburg der autonomen Szene gilt. Auch das Georg-von-Rauch-Haus und das Tommy-Weisbecker-Haus bestehen bis heute als legalisierte selbstverwaltete Projekte.
Wurde Hausbesetzung in Deutschland legalisiert?
Hausbesetzung ist in Deutschland strafrechtlich als Hausfriedensbruch (§ 123 StGB) nicht zulässig. Allerdings wurden viele ehemals besetzte Häuser in Berlin durch Verhandlungen mit den Eigentümern legalisiert, indem Miet- oder Nutzungsverträge abgeschlossen wurden.





